dicke Hose
13.04.2008 vonFranz

Bei „Kerner“ heißt das „Auf dicke Hose machen“ und neulich war es wieder so weit: diesmal hatte Kolja Kleeberg, der kochende Troubadour aus Berlin, Kaviar „mitgebracht“, Ossetra-Kaviar, um genau zu sein: „kostet 2.800 Euro das Kilo, boah, hhmmmmmm …“.
Fünf bis zehn Esswerkzeuge kramten sofort in der Dose herum: „Jo, a bisserl bitter, hintendrum, net?“ So oder ähnlich waren die Kommentare der Mitköche, die sonst auch schon mal völlig ungerührt riesige Trüffelknollen auf ihre Nudeln raspeln oder einen kräftigen Blubb vom Balsamico nehmen, „traditionale“, versteht sich: „ja, so 80, 100 Euro muss man schon rechnen für das …“ und Kerner rennt mit dem halbleeren Flacon ins Publikum, „Ahhhh“ und „Ohhhh“ und ein Glücklicher darf den Flachmann dann nach Hause tragen.
Wer drin ist, ist drin und Jakobsmuscheln sind schon fast Fastfood.
Wer’s mag – bitteschön, wohl bekomm’s.
Gerade kommt der newsletter von Spiegel-online rein (13.04.08, 9.00 Uhr):
(Zitat)
PREISEXPLOSION
Währungsfonds warnt vor weltweiten Hunger-Unruhen –
Biosprit-Trend treibt Nahrungspreise
Wirtschaftspolitiker sprechen vom “Konfliktherd der Zukunft”: Rund um den Globus steigen die Nahrungsmittelpreise in drastischem Ausmaß. Ungewöhnlich klar warnt der Weltwährungsfonds nun vor Hunderttausenden Hungertoten – und vor weiteren Revolten wie auf Haiti.
(Zitatende)
Sollte man auch im Kopf behalten.
Ich jedenfalls gerate ins Grübeln und eigentlich macht’s mir im Moment keinen Spaß mehr, hier über Essen zu schreiben.
Der Vollständigkeit halber – und weil’s auch mit Räucherfisch statt Kaviar ganz lecker ist – dann doch noch Kolja Kleebergs Rezept:
========== REZKONV-Rezept – RezkonvSuite v1.4
Titel: Persische Linsensuppe mit Chili und Kaviar
Kategorien: Vorspeise
Menge: 4-6 Portionen
Zutaten:
3 Schalotten
1 Zehe Knoblauch
Olivenöl
1 TL Kreuzkümmel, ganz
100 g Linsen, rot
0,1 l Weißwein
1 Dose Tomaten, geschält, ca. 800 g
200 ml Geflügelfond
1 Schote Chili, getrocknet
Zitronensaft
Meersalz aus der Mühle
Schwarzer Pfeffer aus der Mühle
100 g türkischer Joghurt, 40 % Fett
besser:
griechischer Joghurt
etwas Buttermilch
100 g Kaviar, z.B. Ossetra
besser:
1 Räucherfisch-Filet (z.B. Makrele)
Piment d’Espelette
schlechter:
Seehasenrogen
Quelle:
frei nach Kolja Kleeberg
– Erfasst *RK* 13.04.2008 von
– http://www.einfachkoestlich.com
Zubereitung:
Die Schalotten und den Knoblauch schälen und würfeln. Linsen waschen, abtropfen lassen.
Schalotten und Knoblauch in etwas Olivenöl anschwitzen, Kreuzkümmel und Linsen zugeben, mit Weißwein ablöschen und einkochen lassen. Tomaten und Geflügelfond hinzufügen, abschmecken und mit zerriebener Chilischote, Salz und Pfeffer etwa 30 Minuten köcheln lassen. Alles mixen, passieren, mit etwas Zitronensaft abschmecken, kalt werden lassen, erneut abschmecken und bios zum Servieren in den Kühlschrank stellen.
Den Joghurt mit Salz, Pfeffer und Zitronensaft abschmecken und beim Anrichten über die Suppe löffeln. Kaviar oder Räucherfisch, in Streifen geschnitten auf den Joghurt löffeln.
Den Räucherfisch mit etwas Piment d’Espelette bestreuen.
=====
Die Suppe sollte auf jeden Fall kalt gegessen werden, warm ist sie nichts Besonderes und schmeckt halt nach Linsensuppe mit Kreuzkümmel und viel Tomate. Kalt dagegen ist das ganz etwas Anderes.
Natürlich hatte ich keinen Ossetra zur Hand und werde wohl auch nie welchen kaufen. Auch Herr Kleeberg isst stattdessen „zuhause ganz gern mal Seehasenrogen“, den aus den kleinen Gläschen für einsneunundachtzig. Das nennt man auch „Deutschen Kaviar“, der steht gleich links neben dem Lachsersatz im Kühlregal (nichts gegen Lachsersatz!). Das reichte auch mir zum Probieren und Fotografieren. Allerdings – besonders passend und lecker fand ich ihn nicht.

Mit Räucherfisch, hier Makrele, wurde das Ganze aber doch noch ziemlich köstlich, besonders, wenn die Suppe gut gekühlt und der Joghurt mit etwas Buttermilch verdünnt und schön zitronensauer (eine kleine Prise Zucker nicht vergessen) ist.
Und das Rote auf dem Fisch?

Piment d’Espelette – scharfes Chili/Paprikapulver aus dem baskischen Dorf Espelette. Mit Herkunftsgarantie, der beste scharfe Paprika, den ich kenne, sehr aromatisch, sehr wirksam und dennoch gut zu dosieren.
Bei uns leider etwas teurer. Aber der sollte es nun wirklich sein.
- 5 Kommentare »
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amSunday, 13. April 2008 um14:20 Uhr
Schönes Gericht, das sicher auch ohne sündhaft teuren Kaviar gut schmeckt.
Zu den Eingangsbemerkungen: Sicherlich kann man es mit der Exklusivität von Zutaten auch übertreiben. Ich werde bestimmt niemals ein Heidengeld für den o.g. Kaviar ausgeben. Andererseits sollte man sich nicht den Spaß am Kochen und am Darüber-Schreiben verderben lassen. Denn Kochen kann man auch sehr gut mit qualitativ guten Zutaten, die nicht jeglichen Preisrahmen sprengen.
amSunday, 13. April 2008 um15:27 Uhr
Wie immer ein toller Beitrag und eine interessante Idee, die Suppe kalt zu essen.
Iranischen Beluga Kaviar habe ich zweimal in der Homa Class der Iran Air gegessen. Er wurde mit kleingehackten Zwiebeln, Butter, kleingehacktem Ei und Toast serviert. Fand ich sehr lecker. Echten Kaviar hatte ich bis dahin noch nicht gegessen. War schon ein Unterschied zu den schwarzen Körnchen auf dem “Russenei”.
amSunday, 13. April 2008 um18:14 Uhr
Also, Franz, ich ziehe Deine falsche Kaviarsuppe jederzeit dem echten vor! Das Rezept gefiel mir auch schon in dem Koljabuch….
Was den richtigen Kaviar angeht, nun denn, ich sage nicht nein, wenn man ihn mir anbietet, aber, ich kann auch gut ohne leben.
Es soll jetzt auch aus Mecklenburg Caviar geben, schon probiert?
Ich finde es ein wenig geschmacklos, wenn man bei Kerner mit solchen Luxusgütern um sich schmeisst, als ob es Bonbons wären,und, auch nicht so angepasst, derzeit….
amSunday, 13. April 2008 um19:09 Uhr
Da ich jahrelang berufsbedingt die Fischeier verkosten durfte (musste), habe ich privat gerne darauf verzichtet. Ich finde die Brombeermarmelade schmeckt nämlich ziemlich nach Fisch, vielleicht im Abgang auch ein wenig kratzig
)
amMonday, 14. April 2008 um06:58 Uhr
Noch ist es nicht der Biosprit, der für die steigenden Nahrungsmittelpreise verantwortlich ist, sondern (wie fast immer) die Spekulation, die sich ganz massiv den Nahrungsmitteln zugewandt hat und sich daran gesund verdient.